Feldpost von der Ostfront
Die letzten Briefe des Martin Wilhelm Schumacher an Frau und Tochter

Erst 1950 wurde mein Großvater Martin Wilhelm Schumacher für tot erklärt. Er war Frontsoldat gewesen. Als Todeszeitpunkt wurde das Datum seines letzten Feldpostbriefes gewählt. Der 16. August 1944, kurz nach seinem 38. Geburtstag. Dieser letzte Brief kam aus einem Schützengraben an der Ostfront.

Vor einigen Jahren wurde bekannt, dass Willi vermutlich in einem Kriegsgefangenenlager in der jetzigen Ukraine umkam. Wann genau und warum wird wohl nie geklärt werden.

Die hier dokumentierten Feldpostbriefe sind an meine Großmutter Anni und meine Mutter Monika gerichtet, die 1944 zwei Jahre alt war. Die Briefe beginnen mit der Abreise Richtung Ostfront. Zuvor kämpfte mein Großvater an der Westfront. Zwischen den beiden Fronteneinsätzen erfährt er, dass meine Großmutter einen anderen Mann hat. Auch wenn er es immer wieder versucht zu verdrängen, hinterlässt es doch eine große Wunde in seinem Herzen. Für wen und was liegt er jetzt tagelang im Dreck mit dem Tod vor Augen? Er ist ein gebrochener Mann und wird seine Familie nie wieder sehen.

Dirk Augele

Martin Wilhelm Schumacher (1906-1944) war Sparkassenangestellter in Köln, bevor er in den Krieg zog.
Martin Wilhelm Schumacher (1906-1944) war Sparkassenangestellter in Köln, bevor er in den Krieg zog.
Feldpostbrief 1 - 16_05_44a

Feldpost 1:

Abschied von Frau und Kind

Wien, den 16.5.44

Liebe Anni u. Moni!
Schwer sind mir die letzten Stunden gefallen die ich noch bei Euch sein durfte. Gingen mir doch so viele Gedanken im Kopf rum. Immernoch habe ich eure lieben Gesichter vor mir und immernoch klingt das Stimmchen von unserem Stropp### in meinen Ohren. „Auf Wiedersehen“ höre ich noch immer. Ich werden noch lange an die schönen Tage, wenn auch mit bitterem Beigeschmack, zurückdenken. Kannst du dir meine Stimmung vorstellen? Ich finde mich einfach nicht mehr zurecht und komme mir vor wie einer dem man etwas Liebes genommen hat. Hoffentlich komme ich drüber weg. Eigentlich müsste ich schon heute morgen um 9.30 fahren, nun habe ich mir aber bescheinigen lassen, daß ich erst heute abend kurz vor 23 Uhr fahre. Dadurch hatte ich Gelegenheit mir Wien anzuschauen. Darüber im nächsten Brief mehr. Anni bleibe lieb, du hast mich empfindlich getroffen. Trotzdem tausend liebe Grüße und Küsse von Eurem unglücklichen Pappi.
Extra für Monilein oooooooooooooooo

Feldpost 2:

Abfahrt aus Wien

Wien, den 16.5.44

Liebe Anni u. Moni!
Noch eine halbe Stunde und es geht weiter. Da ich ja nicht weiß, wann ich wieder schreiben kann, will ich mich schnell noch ein bisschen mit Euch unterhalten. Bis eben habe ich in einem Kaffee gesessen und mir ungarische Musik angehört. Aber diese schwermütigen Weisen haben mich alles andere als aufgemuntert und so werde ich noch immer mit trüben Gedanken weiterfahren. An dich nochmals die Bitte und Mahnung: Sei lieb! Denke doch immer an unseren Sonnenschein.
Lebt wohl und wieder tausend liebe Grüsse und Küsse von Eurem Pappi

Feldpostbrief 3 - 17_05_44b

Feldpost 3:

Im Soldatenheim

Jaroslau, den 17.5.44

Liebe Anni u. Monilein!
Es ist jetzt 3 Uhr und Monilein wird noch nicht lange wach sein. Ich sitze hier in einem Soldatenheim, da ich morgen früh erst weiterfahren kann. Morgen Mittag werde ich an Ort und Stelle sein, und dann wird sich ja entscheiden, was mit mir geschieht. Hier am Ort ist ein Kino und hoffentlich bekomme ich eine Karte, damit ich mal eine Abwechslung habe und meine Gedanken abgelenkt werden, denn dieselben sind dauernd bei Euch, teils gut teils böse. Ich weiß nicht was mit mir los ist und komme mir so lächerlich vor.
Was macht Monilein? Hat sie auch mal nach dem Pappi gefragt. Wäre doch der Krieg vorbei und wir alle wieder glücklich zusammen. Bleibt lieb und vergesst Euren Pappi nicht. Tausend liebe Grüsse und Küsse von Eurem Pappi.

Feldpost 4:

Die Ungewissheit

Jaroslau, den 19.5.44

Liebe Anni u. Monilein!
Wieder sitze ich in dem Soldatenheim aus dem ich meinen letzten Brief schrieb. Gleich geht es weiter nach Przemysl zu einer Frontleistelle und dort wird sich entscheiden was mit mir passiert. Noch ein paar Stunden und dieses Ungewisse ist auch überstanden. Bei mir habe ich noch 3 junge Kerls die ich mitnehmen muss. Die Kameraden bei der ben. Komp. waren sehr nett und haben mir beim Abschied Rauchwaren mitgegeben. Ebenfalls zwei kleine Päckchen mit Süssigkeiten die aber für Monilein schon unterwegs sind. Sobald ich nun endgültig Bescheid weiss gebe ich sofort Nachricht. Wie mag die Nachricht ausfallen? Tausend liebe Grüsse und Küsse von Eurem Pappi

Feldpostbrief 5 – 21_05_44

Feldpost 5:

Als Neuling in die Scheiße

Wien, den 21.5.44

Liebe Anni u. Monilein!
Jetzt wirst du staunen. Ich bin wieder in Wien gelandet, jawohl in Wien, aber nur um von hier aus weitergeleitet zu werden. Ich bin einer anderen Division zugeteilt und komme nach Rumänien. Die Einheit befindet sich im Einsatz. Nun komme ich wieder in die Scheisse rein. Es passt mir gar nicht, dann wenn man als Neuling zu einer Einheit kommt wird man überall da reingesteckt wo es brenzlich ist. Wollen wir weiter an meinen guten Stern glauben und hoffen, daß doch noch alles gut wird. Lebt wohl und vergesst mich nicht. Tausend Grüsse und Küsse von Eurem Pappi
Für Monika: 00000000
Auch von hier geht ein Päckchen mit süssen Grüssen ab. Bleibt lieb! Ja!?

Feldpost 6:

Zehn Tage unterwegs

O.U, den 24.5.44

Liebe Anni und Monika!
Schon 10 Tage unterwegs und noch immer nicht an Ort und Stelle. In 24 Stunden hoffe ich aber dort zu sein. Die Fahrt war ja sehr reizvoll aber mit Interesse hat man sich die Landschaft nicht beschaut, denn man fährt ja ins Ungewisse. Ich sehe sehr schwarz und in ein paar Tagen werde ich wohl im Graben hängen. Den Abschied habe ich noch immer nicht überwunden und immer noch höre ich Monileins Stimmchen, und dann die Gedanken an dich, ob du auch lieb bist. Liebe Anni, du kannst dir nicht vorstellen mit welchen Gefühlen ich fortgefahren bin und das Leben scheint einem manchmal gar nicht mehr lebenswert. Dann denke ich aber daran, daß du mir versprochen hast lieb zu sein und denke daran, daß jede Schuld sich noch auf Erden rächen wird. Bald kann ich meine Feldp.Nr. meitteilen. Tausend liebe Grüsse und Küsse von Eurem unglücklichen Pappi.
Sind die Päckchen angekommen?
an Monika: ooooooooo

Monika und Wilhelm Schumacher 1944

  

“Was macht Monilein?

Hat sie auch mal nach dem Pappi gefragt?

Wäre doch der Krieg vorbei und wir alle wieder glücklich zusammen.

Bleibt lieb und vergesst Euren Pappi nicht”

Auf dem Foto: Monika und Willi Schumacher, bevor der an die Ostfront zog.

Feldpost 7:

Das Donnern der Front

F.P. 30252 B
Pfingsten, den 28.5.44

Liebe Anni u. Monilein!
Gestern abend, nach 13 Reisetagen, bei meinem Haufen gelandet. Heute am 1. Pfingsttage und ausserdem an meinem Namenstage fleissig geschanzt und mit 2 anderen Kameraden uns ein Zelt gebaut. Hierin werde ich eine kurze Zeit hausen müssen, denn ich muss hier einen Lehrgang mitmachen um dann an die Front abgestellt zu werden. Was ich befürchtet habe ist nun eingetroffen und in Kürze, vielleicht schon, wenn du diesen Brief erhältst, hängt das Leben täglich am seidenen Faden. Ich muss mit den Wölfen heulen und im übrigen auf meinen guten Stern vertrauen. Wenn ich an meinen Urlaub zurückdenke, dann sitzt es mir immer wie ein dicker Stein auf der Brust. Hatte ich mich doch ein Jahr lang auf meinen Urlaub so gefreut und ich muss es dir nochmals sagen, daß ich sehr enttäuscht und schwer weggegangen bin. Liebe Anni, wenn du mich nicht mehr willst, dann lass es mich wissen und muss ich mich dann damit abfinden, denn ich möchte nicht als fünftes Rad am Wagen nebenherlaufen. Schwer ist es mir geworden die Tage dort auszuhalten und ich kann es dir jetzt sagen, wenn unser süsses Monilein nicht gewesen wäre, ich wäre bei Nacht und Nebel fortgelaufen so weh war es mir ums Herz. Du wirst sagen es ist ja gar nichts gewesen und ich glaube dir ja auch, aber wenn man nach langer langer Zeit nach „Hause“ kommt und findet freundschaftliche Verhältnisse vor, die auch nichts tieferes in sich haben, so wirst du zugeben müssen, daß man eigenartig berührt ist. Als Frontsoldat hat man eben kein Verständnis mehr dafür, und ist man ja hier im Dreck um seine Familie und sein Vaterland zu schützen und lebt deshalb nur in seinen Gedanken dafür. Liebe Anni, ich dir hiermit keine Vorwürfe machen, es muss nur etwas von der Brust runter, was mich 14 Tage lang bedrückt hat. Und da ich mit keinem anderen Menschen darüber sprechen kann, so muss ich mir eben auf diese Art und Weise etwas Luft verschaffen, damit trübe Gedanken weggehen und ich mit klaren Augen den kommenden Gefahren entgegen gehen kann. Mein Liebes, nun habe ich nur noch den einen Wunsch und die eine Bitte, schreibe mir bitte nur noch, daß ich meine trüben Gedanken zur Seite stellen kann und daß es noch Sinn hat für Euch zu leben. Damit habe ich nun dieses für mich so schwere Thema zum letztenmal berührt und hoffe auf günstige Post von dir. Lass es dir aber um Gottes Willen nicht einfallen deine Unterkunft zu wechseln, denn ich habe mich ja davon überzeugt, daß du dort gut aufgehoben bist und ein sehr nettes Zimmer hast. Nun zu anderen Dingen. Wie immer, so habe ich auch jetzt Euer Photo vor mir liegen und ist es mir so, als würden die lieben Stimmen aus dem Photo zu mir sprechen. #### Wann, aber wann und vielleicht nie mehr werde ich zu Euch sprechen können. Ich will den Kopf hoch halten und nur der eine Gedanke beseelt mich Euch wiederzusehen. Was macht Monika? Hat sie den Pappi vermisst oder sind die anderen Onkels ihr lieber? Schreibe mir bitte oft und erzähle mir alles. Sind 3 Päckchen angekommen? Hat sich das süsse Mäulchen gefreut? Der Abend senkt sich und ganz in der Nähe ist das Donnern der Front.
Ich gebe Euch in Gedanken viele Küsse und hoffe, daß auch ihr noch an mich denkt. Lebt wohl und nochmals viele Grüsse und Küsse on Eurem Pappi.
An Monika: ooooooooooooo

Feldpost 8:

Hoffen aufs Soldatenglück

F.P. 30252 B
O.U, den 29.5.44

Liebe Anni u. Moni!
Der zweite Pfingsttag geht auch zu Ende und will ich noch ein paar Zeilen schreiben, denn wer weiss ob ich in den nächsten Tagen dazu kommen werde. Ich habe in meinem gestrigen Briefe meinem Herzen etwas Luft gemacht und will auch nicht mehr näher darauf eingehen. Sehnsüchtig warte ich auf deinen ersten Brief, damit ich weiss daß ich dir vertrauen kann und alles wieder gut ist. Wir dürfen ja nicht nur an uns denken, sondern auch an unseren Sonnenschein und für den zu leben unsere Pflicht ist. Denke bitte immer daran.
Ich schrieb dir ja schon, daß ich 13 Tage fast ununterbrochen auf der Bahn gelegen habe und ist mein Bedürfnis in dieser Beziehung einstweilen gedeckt. Trotzdem würde ich die Fahrt nach dort sofort wieder antreten. Wenn meine Stimmung anders gewesen wäre, dann hätte man mehr von der Fahrt gehabt. Um mir Wien anzugucken hatte ich ja Zeit und habe dies auch redlich besorgt. Eine wunderbare Stadt. Den berühmten Wiener Prater habe ich auch nicht überschlagen und habe mir auf dem Riesenrad Wien von oben angesehen. Das wäre etwas für Monika gewesen. Dann ging es weiter durch Ungarn über Budapest, durch Rumänien und durch die Karpathen nach Bessarabien, und liege jetzt ungefähr an der Mündung eines grossen Flusses, der im Wehrmachtsbericht öfters genannt wird. Hier wird nun das eintreten was ich dir gestern schrieb. Vielleicht liege ich schon wenn du diesen Brief erhältst in Stellung. Hoffentlich bleibt das Soldatenglück mir hold, denn ich will Euch ja wiedersehen. Was macht Monika? Immer höre ich das helle Stimmchen, das „Bitte mehr“ wenn ich ihr ein Märchen erzählt hatte. Ich darf nicht zuviel daran denken sonst wird es mir wieder so schwer ums Herz.
Bleibt lieb und denkt viel an euren Pappi, der Euch so lieb hat
Süsse Küsschen an Monika oooooooooo

Feldpost 9:

Iwans Abendkonzert

O.U, den 31.5.44
Liebe Anni u. Moni!

Heisse Tage habe ich schon hier im Lehrgang hinter mir und es bleibt einem kaum Zeit ein paar Zeilen zu schreiben. Ich sitze vor meinem Zelt um das schweissnasse Hemd etwas trocknen zu lassen. In Kürze wird es wohl ab zur Front gehen. Denkt ihr auch noch mal an Euren Pappi? Wie warte ich doch sehnsüchtig auf deinen ersten Brief, damit ich beruhigt zur Front marschieren kann und ich weiss wofür ich all die Strapazen ertrage. Was macht Monika? Erzähle ihr bitte jeden Tag von mir. Sind die „Mellis“ angekommen? Es wird dunkel und der Iwan fängt wieder mit seinem Abendkonzert an.
Oft werde ich nicht schreiben können, denn meine Zeit lässt es nicht zu. Schreibe du mir aber oft.
Ich sage Euch gute nacht und werde in Gedanken immer bei Euch sein.
Viele liebe Grüsse und Küsse von Eurem Pappi
An Monika süsse ooooooooo

Feldpost 10:

Die anderen „Onkels“

O.U, den 3.6.44

Liebe Anni u. Moni!
Heute hätte ich vor lauter Dienst beinahe vergessen, daß ich Geburtstag habe. Jetzt habe ich ja eigentlich ein Alter erreicht um aus der kämpfenden Truppe rausgezogen zu werden aber das Gegenteilige ist der Fall. Nach Alter wird nicht mehr gefragt und man muss dasselbe Leisten wie die jungen Sprinter. Bei der augenblicklichen brüllenden Hitze fällt es mir sehr schwer mitzukommen aber es nützt ja alles nichts, ich muss die Zähne aufeinanderbeissen und durchhalten und das noch 3 Wochen wie ich heute erfahren habe. Kurz vor Beendigung des Lehrgangs werde ich wohl deine erste Post bekommen und die ich sehnsüchtig erwarte. Wird der Inhalt des Briefes mir doch Gewissheit geben wie ich in die Zukunft schauen kann und wie ich den kommenden Gefahren entgegen gehen kann. Bei meinem Dortsein fiel mir auf, daß dein Interesse für meine Erlebnisse gering war und ich glaube daß du es dir gar nicht vorstellen kannst in welchen Gefahren man täglich schwebt. Na, vielleicht ist es auch so besser und ich mache mir sicher mehr Gedanken um Euch als ihr um mich. Heute habe ich mal wieder das #### und Gedanken gehen mir im Kopf rum die einen niederdrücken. Man möchte alles in die Ecke schmeissen und das Leben ist einem nicht mehr lebenswert. Dein Brief wird ja Klarheit bringen. Was macht Monilein? Nun werde ich sicher schon vergessen sein und die anderen „Onkels“ obenauf sein. Auch dieses Gefühl macht einen weich. Warum muss man nur so leiden? Das liebe Stimmchen will mir nicht aus den Ohren raus. Ich glaube es wäre besser gewesen wenn ich nicht im Urlaub gekommen wäre. Für mich würde es jetzt leichter sein. Noch will ich den Kopf hoch halten, denn ich habe Euch ja so lieb. Es wird dunkel und will ich mich wieder in mein Zelt verkriechen und mit meinen Gedanken noch lange bei Euch sein.
Tausend liebe Grüsse und Küsse von Eurem Pappi
An Monika besonders süsse oooooooooooooooo

Feldpost 11:

Die Kopfschmerzen

Sonntag, den 4.6.44

Liebe Anni u. Monika!
Der Sonntag geht auch zur Neige und habe ich heute Nachmittag mal frei gehabt. Strümpfe und Taschentücher gewaschen und vor allen Dingen sich selbst mal gesäubert. Nun geht es auf 7 Uhr an und liege vor meinem Zelt um mich noch etwas mit Euch zu unterhalten. Ihr werdet sicher jetzt von Eurem Spaziergang oder aus dem Strandbad zurück sein und Monilein wird jetzt ihr Abendbrot verzehren und anschliessend ins Bettchen gelegt werden. Du wirst in die Gaststube gehen und dich dort noch etwas aufhalten. Ich kann mir ja jetzt alles so gut vorstellen und bin in Gedanken dann immer dabei. Nur werden meine Gedanken immer durch nichterfreulicher Erinnerungen gestört. Ein Grübeln habe ich mir angewöhnt das ich früher nicht gekannt habe. Nur ein recht lieber Brief mit erfreulichem Inhalt wird mir helfen können. Wird derselbe auch kommen? Das innere wehe Gefühl steigt wieder auf und deshalb will ich das Thema wechseln.
Leider habe ich mein grosses Taschenmesser verloren und sieh auch mal zu ob du eines auftreiben kannst. Für ein Päckchen kannst du schon mal folgende Sachen sammeln: Feuersteine, Docht, Rasierklingen, Gehwol-Salbe und Spalt-Tabletten, da ich in letzter Zeit wieder mit Kopfschmerzen zu tun habe.
Was macht unser Glück? Erinnert sich Moni noch an den Pappi? Wäre die Scheisse doch vorbei, damit wir endlich ein glückliches Familienleben führen könnten. Schreibe bitte oft und viel, denn ich habe eine Aufmunterung sehr nötig. Tausend liebe Grüsse und Küsse von Eurem Pappi
An Monika: ooooooooooooooooooo

Feldpost 12:

Vor dem achten Hochzeitstag

O.U, den 11.6.44

Liebe Anni u. Moni!
Sonntag ist es mal wieder und habe ich im Laufe der Woche keine Zeit gehabt zum Bleistift zu greifen um Euch ein paar Zeilen zukommen zu lassen. Von Euch habe ich auch noch keine Nachricht erhalten und warte ich doch so sehnsüchtig darauf, weil ich dann vielleicht die Ruhe wiederfinde, die ich in Kürze sehr nötig haben werde. Der Lehrgang ist sehr hart hier und muss ich mich zusammenreissen um durchzuhalten. Von morgens 4 Uhr bis abends 7 Uhr. Du kannst dir denken dass die alten Knochen dann fertig sind. Dazu noch Nachtübungen. Auch hier bin ich wieder der Älteste, aber danach wird ja nicht gefragt. Heute war ich den ganzen Tag über tätig um meine Sachen in Ordnung zu bringen und ist es inzwischen schon wieder 5 Uhr geworden. Noch drei Stunden und es ist schon wieder dunkel. Gestern sind schon welche von uns abgestellt worden die dringend vorne benötigt werden. Auch ich kann täglich abgerufen werden. Hoffentlich habe ich aber vorher deinen Brief. Was macht Monika? Schreibe mir bitte oft und viel darüber und du glaubst nicht wie lieb ich den Kr#### habe. Man weiß nicht was die Zukunft bringt und gerade jetzt sieht es für mich sehr schwarz aus. Könnte ich doch wieder für immer bei Euch sein. Morgen ist unser achter Hochzeitstag. Wer hätte damals gedacht daß alles so gekommen wäre. Aber den Kopf will ich nicht hängen lassen und fest daran glauben daß wir uns wiedersehen.
Schicke bitte einstweilen nichts nach hier, denn meine Feldp.Nr. wird sich ja doch ändern. Briefe werden ja weitergeleitet werden aber man weiss nicht wie es mit Päckchen ist. Denke nur an Rauchwaren und bewahre sie gut auf. Wann ich nun wieder schreiben werde weiß ich noch nicht. Es hängt ganz vom Dienst ab. Drückt beide Daumen und behaltet mich lieb.
Tausend liebe Grüsse und Küse von Eurem Pappi
An Monika: ooooooooooooooooooo

 

 

  • 3. Juni 1906

    Martin Wilhelm Schumacher wird in Köln-Mülheim geboren

  • 12. Juni 1937

    Hochzeit mit Helene Anna Dickel, geboren am 30.11.1910 in Köln-Mülheim

  • 20. Februar 1942

    Tochter Monika kommt in Köln zur Welt

  • 15. April 1944

    Willi Schumacher sieht seine Familie das letzte Mal in Kitzbühel am Bahnhof und reist am nächsten Tag ab Wien an die Front

  • 16. August 1944

    Letzter Feldpostbrief und gleichzeitig offizielles Todesdatum

Feldpost 13:

Endlich Briefe im Dreck

O.U, den 18.6.44

Liebe Anni u. Monilein!
Gestern erhielt ich deine 3 Briefe, und zwar den ausführlichen vom 21.5. und die vom 8. und 10.6. Nun kann ich ja meine trüben Gedanken, mit denen ich einen Monat lang rumgelaufen bin, endlich ad acta legen. Deine Briefe haben mir mein inneres Gleichgewicht wiedergegeben und hat das Leben für mich wieder Sinn und Zweck. Wenn, wie du schreibst, die ganze Angelegenheit nur auf Freundschaft beruht, die durch Langeweile entstanden ist, so bitte ich dich immer daran zu denken, daß auch solche eine Freundschaft seine Grenzen haben muss. Ich verlange von dir nicht, daß du ein Einsiedlerleben führen sollst, du kannst dir richtig Freude machen, aber vergiss nie, daß ich im Dreck liege und daß du Abwechslung genug in unserem süssen Kr### findest. Liebe Anni! Wollen wir damit die ganze Angelegenheit als erledigt betrachten. Ich will jetzt wieder an dich glauben, doch bereite mir keine weitere Enttäuschung, denn darüber würde ich nicht mehr wegkommen. Damit wollen wir unter die Angelegenheit einen Strich machen.
Inzwischen wirst du ja deine beiden Zimmer bezogen haben, die aber kein Unberechtigter betreten darf. Denke an die Klatschbasen in dem Dorf. Du musst mir nun mal umgehend schildern, wie du eingerichtet bist, damit ich mir ein bild machen kann. Die RM 100.- habe ich nicht genommen. Vielleicht hast du dieselben inzwischen wiedergefunden. Die Bilder sind sehr nett und freue ich mich schon auf die anderen. Schreibe bitte oft!
Heute ist wieder Sonntag und inzwischen ist es schon 16 Uhr geworden. Den ganzen Tag wieder mit prüfen, flicken und waschen verknöselt. Nun liege ich vor meinem Zelt um diese Zeilen zu schreiben. Noch 8 Tage und der Lehrgang ist beendet, d.h. wenn ich nicht früher abgestellt werde. Gestern waren auch wieder Abstellungen und habe ich nochmals Glück gehabt. Langsam gewöhnen sich die alten Knochen an den schweren Dienst aber abends ist man zum Umfallen müde und es bleibt keine Zeit ein paar Zeilen zu schreiben. Was macht unser Stropp###? Erzähle ihm immer viel von mir, damit ich nicht aus ihrem Gedächtnis entschwinde. Leider kann ich heute keine Melli beipacken, vielleicht hast du noch eins übrig.
Drückt weiterhin die Daumen und behaltet mich lieb. Tausend liebe Grüsse und Küsse von Eurem Pappi
An Monika ooooooooooooooooooo

Feldpost 14:

Mit neun Mann zum Iwan

O.U, den 25.6.44

Liebe Anni u. Monilein!
Gestern habe ich deinen Brief vom 14.6. erhalten und gleichzeitig auch die Durchschrift deines ausführlichen Briefes. Vielen Dank. Ich kann dir kaum sagen wie mich deine Briefe wieder aufgerichtet haben und mir Mut und Kraft geben für die kommenden schweren Tage. Jetzt weiß ich ja wieder daß du an mich denkst und unserem Liebling viel von mir erzählst und ich dadurch in der Erinnerung unseres Stropps### bleibe.
Mit dem heutigen Tag ist unser Lehrgang beendet und wird der morgige Tag Klärung bringen, wohin ich komme, d. h. also zu welchem Regiment ich versetzt werde. Dann bin ich endlich mal wieder bei einem festen Haufen. Als Gruppenführer werden mir 9 Mann zugeteilt und mit denen muss ich mich dann mit dem Iwan rumschlagen. Bin selbst mal gespannt wie das klappen wird. Wollen wir an den guten Stern glauben und hoffen, daß ich gut aus dem Dreck rauskommen werde. Der Wille Euch wiederzusehen ist da. Denkt viel an mich und bleibt lieb, denn dies gibt mir die Kraft den kommenden Ereignissen ruhig entgegenzusehen. Ich liege augenblicklich noch 200 km südlicher als Franz und kannst du dir jetzt ein Bild machen wo ich hänge. Von Mutter habe ich auch einen Brief erhalten und sind die Kisten ja unterwegs nach dort. Damit wäre diese Angelegenheit ja auch erledigt. Wie sehen denn deine Stübchen aus? Was ist denn das für eine Brieftasche und was ist denn darin? Schreibe mir bitte darüber.
Nun muss ich schliessen denn wir haben gleich noch eine kleine Abschiedsfeier. Bald werde ich wohl Gelegenheit haben öfter zu schreiben. Drückt beide Daumen damit alles gut geht und seid für heute wieder tausendmal gegrüsst und geküsst von Eurem Pappi
An Monika süsse oooooooooooooo

Feldpost 15:

Im Zelt

O.U, den 2. Juli 44

Liebe Anni u. Monilein!
Sonntagnachmittag und es regnet in Strömen. Ich liege im Zelt und versuche mal auf dem Bauch mal auf dem Rücken diesen Brief fertigzukriegen. Wenn vier Mann in einem kleinen Erdloch liegen bleibt nicht viel Platz zum schreiben. Habe wieder eine anstrengende Woche hinter mir und bleibt einem nur der Sonntag um seine Sachen in Ordnung zu bringen und seinen Liebsten zu schreiben. Das Regenwetter lässt heute keine „grosse Wäsche“ zu und muss ich deshalb mit den Sachen eine Woche länger rumlaufen. Habe eben wieder meine Strümpfe gestopft, damit die Füsse heil bleiben. Nun bin ich noch immer hier und ab Montag soll ich das, was man mir eingetrichtert hat, anderen eintrichtern, und zwar so lange bis auch meine Stunde zum Einsatz schlägt. Wenige Lehrgangsteilnehmer sind noch hier, die anderen sind alle schon im Graben. Wie lange mag es bei mir noch dauern?. Nun habe ich mich damit abgefunden, daß einmal doch die Stunde schlagen wird aber ich werde dann mit ganz anderen Gefühlen rausgehen. Haben mir doch deine Briefe wieder Mut gegeben allen Gefahren ins Auge zu schauen und habe ich den festen Willen Euch wiederzusehne, damit wir noch lange Jahre ein recht glückliches Familienleben führen können. Mein guter Stern wird mich hoffentlich nicht verlassen. Dein lieber Brief vom 18.6. hat mich Anfang der Woche erreicht aber zum Wochenende habe ich leider keinen bekommen. Nun hast du dich also in der „Bühnen-Wohnung“ schon eingelebt und die Langeweile tritt an dich heran. Ich sagte dir bei meinem Dortsein dass wenn du Langeweile verspürst zum Federhalter greifen sollst um mir die Tagesereignisse zu schildern. Monika wird doch sicher jeden Tag neue Einfälle haben. Dadurch nehme ich an Eurem Leben teil und nichts würde ich versäumen. Wenn du diese Tagesberichte alle paar Tage abschließen würdest um mir dann zuzuschicken, bekäme ich laufend Post und darauf freue ich mich ja so sehr. Was sind das denn für Dinge die dich unglücklich stimmen? Kümmere dich nicht zu viel um die Menschen dort, sondern lebe dein eigenes Leben. Noch 14 Tage und ich bin schon wieder 2 Monate von Euch fort. An manchen Tagen habe ich ein so grosses Heimweh nach Euch, daß ich am liebsten fortlaufen möchte. Aber auch dieses Weh muss ich unterdrücken und hat man nur den einen Wunsch das Kriegsende gesund zu erleben. Vielleicht kommt heute abend noch ein Brief von dir. Dann wäre ich ja schon wieder zufrieden. Ist unser Familienbild noch nicht fertig. Hoffentlich kannst du alles lesen. Mein Kreuz ist ganz steif und draussen prasselt der Regen auf das Zelt. Ich sage Euch gute Nacht und gebe Euch in Gedanken viele liebe Küsschen. Euer Pappi
An Monika süsse ooooooooooooooooooooo

Feldpost 16:

Ein Tag Innendienst

O.U, den 5.7.44

Liebe Anni u. Monika!
Da ich heute Innendienst habe und mir dadurch Gelegenheit gegeben ist ein paar Zeilen zu schreiben, will ich dieses auch sofort tun. Zunächst muss ich den Empfang deines lieben Briefes vom 25.6. bestätigen, der mich gestern erreichte. Du glaubst nicht wie ich mich jedesmal über deine Zeilen freue. Geben mir dieselben doch die Gewissheit, daß alles wieder in Ordnung ist und ich glaube dir auch. Manchmal nagt ja noch der Zweifel wie ein Wurm am Herzen, aber die Zeit wird auch diese Wunde heilen. Aber nicht nur die Zeit, sondern auch deine Briefe haben eine heilende Wirkung und ich muss dir sagen, daß ich noch nie so nach Post gefiebert habe wie augenblicklich. Deshalb schreibe oft und lass mich so teilhaben an allem was dort geschieht. Unser späteres Glück soll und darf nicht in Frage gestellt werden und wenn ich mal wieder gesund nach Hause kommen sollte, wollen wir an den Zwischenfall durch nichts mehr erinnert werden.
Unser Spätzchen erinnert sich also noch oft an den Pappi. Wie gerne ich diese Zeilen gelesen habe. Du hast nun die grosse Aufgabe die Erinnerung an den Pappi wachzuhalten und ich weiss ja auch daß du diese Aufgabe erfüllen wirst. Ich glaube gerne daß der Spatz sich immer über die „Mellis“ freut und ich verzichte ja gerne auf diese Dinger wenn ich nur dem „süßen Mäulchen“ eine Freude machen kann.
– Hier musste ich eine kleine Pause machen, denn der Iwan hat seinen Morgenbesuch gemacht. Nun ist der Spuk wieder verschwunden und deshalb weiter im Text. Hoffentlich hast du inzwischen deine Kochplatte bekommen, damit du die Speisen wieder selbst zubereiten kannst, was ja auch jeden Fall für dich und Monilein besser ist.
Nun zu mir. Ich schrieb dir ja in einem meiner letzten Briefe, was für Gebrauchsgegenstände ich dringend benötige. Ist der Brief nicht angekommen weil du bis jetzt noch nichts davon erwähnt hast. Ich bat vor allen Dingen um Rasierklingen, Feuersteine, Zigarettenpapier, Spalttabletten, um ein grosses Taschenmesser und vielleicht hast du auch schon ein paar Rauchwaren. Diese Sachen schicke ruhig hierhin, denn sollte ich versetzt werden, wird das Päckchen mir nachgesandt. Es wird ja schwierig sein diese Sachen zu beschaffen aber vielleicht gelingt es doch. In meinem letzten Briefe schrieb ich dir ja, daß ich vorläufig noch hierbleiben werde, um meine gesammelten Lehrgangsweisheiten anderen zu übertragen. Damit kann aber auch jeden Augenblick Schluß sein, wenn Ersatz angefordert wird, und kann ich unter diesen Umständen schon morgen im Graben liegen. Hoffen wir, daß mir mein guter Stern weiterhin treu sein wird. Sollte der Iwan hier sehr frech werden, dann gehts allerdings sofort rein. Also abwarten u. hoffen. Langsam bessert sich das Wetter wieder und hoffentlich scheint Sonntag wieder die Sonne, damit man seine schweißgetränkten Klamotten in Ordnung bringen kann. Jetzt freue ich mich schon wieder auf deinen nächsten Brief. Sofie und Andi schon da? Dann viele Grüsse. Seid ihr lieben Zwei dann wieder tausendmal gegrüsst u. geküsst von Eurem Pappi
An Monika süsse ooooooooooooo

Feldpost 17:

Sonntagsvergnügen

O.U, den 9.7.44

Liebe Anni u. Monilein!
Sonntagnachmittag, heiss brennt die Sonne und ich habe gerade meine grosse Wäsche beendet. Nun sitze ich neben meinen Klamotten um das Trocknen zu überwachen. Das ist mein Sonntagsvergnügen. Post habe ich leider zum Wochenende keine von dir bekommen. Die anderen Kameraden erhalten öfters Post. Ob deren Muttis schreibfleißiger sind? Hier ist augenblicklich alles noch unverändert und gewöhnt man sich langsam auch an den Dienst als Gruppenführer. Meine Jungens sind alles alte Krim-Pioniere und ich glaube wenn ich mit denen mal raus muss wird schon alles gutgehen. Ich glaube daß dies bald der Fall sein wird und deshalb drückt alle Daumen. Wie verbringt ihr nun den Sonntagnachmittag? Es geht auf halb drei Uhr an und Monilein wird bald aus ihrem Mittagsschlaf erwachen und dann werdet ihr einen Spaziergang machen. Könnte ich doch an allem teilhaben. Wann wird das sein und ob das nochmal sein wird? Aber wir wollen fest daran glauben daß alles gut ausgeht. Hast du schon Kleinigkeiten für mich kaufen können. Vor allen Dingen Rasierklingen benötige ich dringend und ebenfalls Feuersteine. Die Feuersteine kannst du einzeln in die Briefe legen, dann werden bestimmt dieselben ankommen. Kannst du auch eine Dose Schuhcreme besorgen?
Freuen würde ich mich wenn heute abend Post für mich dabei wäre. Augenblicklich ist ja Luftfeldpost gesperrt auch von dort nach hierhin?
Seid nun für heute wieder tausendmal gegrüsst und geküsst von Eurem Pappi
Liebe Grüsse an Monilein ooooooooooo

Feldpost 18:

Bei Kerzenlicht nach dem strammen Dienst

O.U., den 16.7.44

Liebe Anni u. Moni!
Gerade deinen lieben Brief vom 5.7. erhalten. Es ist wiedermal Sonntag und der augenblickliche sehr stramme Dienst lässt es leider nicht zu dir öfter zu schreiben. Aber der Dienst ist nötig da die Landser viel verlernt haben. Deshalb hatten wir auch am heutigen Sonntag Dienst. Deine Befürchtung, daß ich absichtlich nicht öfters schreibe ist nicht richtig. Hätte ich mehr Zeit, würde ich am liebsten jeden Tag schreiben. Nun sitze ich beim flackernden Kerzenlicht im Zelt und tue das, was ich am liebsten mache, nämlich Euch zu schreiben. Dein lieber Brief hat mir wieder so gut getan und würde ich am liebsten jeden Tag so liebe Worte empfangen. Aber leider bekomme ich von dir ja nur wöchentlich einen Brief. Nun hast du ja für einige Zeit Abwechslung gehabt weil Sofie und Rido dort waren und Monilein wird wohl kaum Gelegenheit gehabt haben viel an Pappi zu denken. Wie ich schon schrieb, haben wir augenblicklich sehr strammen Dienst und weiss ich manchmal nicht mehr ob ich ein Männchen oder ein Weibchen bin. Sehr wahrscheinlich will man uns auf etwas vorbereiten. Hoffentlich kannst du mein Gekritzel überhaupt lesen, denn das Licht ist mies. Könnte ich doch bei Euch sein. Meine Gedanken sind immer bei Euch. Behaltet mich lieb und seid für heute wieder tausendmal gegrüsst und geküsst von Eurem Pappi
An Monilein tausend süsse Küsse oooooooooo

Feldpost 19:

Bleierner Schlaf

O.U, den 18.7.44

Liebe Anni u. Moni!
Es regnet in Strömen und weil wir deshalb unseren Dienst etwas früher beendet haben, bleibt endlich mal Zeit ein paar Zeilen in Ruhe und ohne Kerzenlicht zu schreiben. Neues von hier gibt es nicht zu berichten. Der Dienst ist stramm, fast zu stramm für mich, aber es heisst durchhalten. Der Tage beginnt hier schon um 3.45 Uhr und endet gegen 20 Uhr. Dann ist man aber auch so abgekämpft, daß man sich sofort hinlegt und in einen bleiernen Schlaf versinkt. Zeit zum Denken bleibt tagsüber keine, nur abends vor dem einschlafen sind meine Gedanken bei Euch. Sogar Sonntags ist Dienst. Aber man ist hier noch ein paar Kilometer weiter von der Front. Aber wie lange noch? Jeden Tag kann es los gehen und dann gehts rein in die Scheiße. Einige Kameraden die damals mit mir im Lehrgang waren sind schon gefallen. Hoffentlich bleibt das Soldatenglück und mein guter Stern mir treu, denn wir wollen doch später ein gutes Familienleben führen. Gerade habe ich die Bilder vorliegen die du mir geschickt hast. Du glaubst nicht wie ich mich darüber freue, aber gleichzeitig kommt auch das Heimweh nach Euch. Wenn wird denn nun endlich alles vorbei sein, damit man mal wieder Mensch werden kann. Die Hoffnung hält einen hoch, daß es hoffentlich nicht mehr zu lange dauern wird. Schreibe mir bitte viel und oft über Euch, denn dies hält mich hoch und kann in Gedanken mit Euch leben. Wann kommt dein nächster Brief? Nun wird es auch schon langsam dunkel und die Zeit zum schlafengehen kommt, damit man morgen wieder frisch ist. Aus weiter, weiter Ferne grüsst und küst Euch wieder Euer Pappi
Na Monilein süsse oooooooooooooo

Feldpost 20:

Der besondere Lehrgang

O.U, den 23.7.44

Liebe Anni u. Moni!
Seit dem 5.7. habe ich keine Nachricht mehr von dir. Was ist denn eigentlich los? Immer wenn Post verteilt wird stehe ich mit langem Gesicht dabei. Wenn auch Sofie und Rudi dort sind, so bleibt aber doch sicher für mich doch eine halbe Stunde übrig, oder sollte die Post verlorengegangen sein. So vertröstet man sich von Tag zu Tag und hoffentlich ist heute etwas dabei. Leider habe ich keine Gelegenheit öfters zu schreiben sonst würde ich es bestimmt tun, aber Zeitmangel kannst du ja nicht als Entschuldigung aufführen. So bitte ich dich, ofters zum Federhalter zu greifen, denn du glaubst nicht, wie man sich hier nach einem Brief sehnt. Sehr überrascht waren wir alle hier als wir von dem Anschlag auf den Führer erfuhren. Gott sei Dank ist ja wieder einmal alles gut gegangen und gut ist es daß man die verrätersiche Clique sofort gefasst hat. Ein grosses Unheil ist eben an uns vorbei gegangen. Der Krieg nimmt immer schrecklichere Formen an und hoffentlich ist der Tag bald erreicht an dem die Friedensglocken läuten werden, aber bis dahin werden wir noch manch schwere Stunde mitmachen müssen. Hier gibt es auch nur Dienst und nochmals Dienst, und heute wurde mir gesagt, daß ich sehr wahrscheinlich einen besonderen Lehrgang mitmachen müsste. Näher einlassen kann ich mich darauf nicht aber Gedanken brauchst du dir auch nicht zu machen. Wenn ich den Lehrgang mitmache, bin ich für 3 Wochen wieder der Front fern. Aber bei den Preussen ist es heute so und morgen anders. Mein nächster Brief kann schon aus dem Graben kommen. Heute ist wieder mal Sonntag und hatten wir heute dienstfrei, eine grosse Erholung für mich. Meine Gedanken sind heute so sehr bei Euch. Ist dort auch noch alles in Ordnung? Schreibe bitte viel und oft! Was macht Monilein? Bekomme ich bald wieder ein Bildchen? Erinnert der Kratt### sich noch an Pappi? Seid ihr lieben Zwei dann für heute wieder tausendmal gegrüsst und geküsst von Eurem Pappi
An Monilein süsse oooooooooooooo

Feldpost 21:

Brief an die Tochter

O.U., den 25.7.44

Meine liebe Monika!
Frag doch mal Mutti, warum sie so selten schreibt. Du machst ihr doch nicht zuviel Arbeit und Kummer. Erinnerst du dich noch an deinen Pappi, der jetzt wieder so fern von dir ist. Denkst du noch an die Märchen die Pappi dir erzählt hat, an die vielen Bienchen die so fleissig den Honig sammeln und an die Bienenhäschen, an die Stöckchen die Pappi dir geschnitten hat, an die Drahtseilbahn die uns auf den Hahnenkamm brachte und an die Mellis die Pappi dir immer schom Schrank runterholte. Aber so viel kann man von dir ja nicht verlangen und ich bin ja auch schon zufrieden, wenn du mich nur in Erinnerung behältst. Du musst Mutti jeden Tag daran erinnern, dam einsamen Pappi zu schreiben, damit dem Pappi nicht wieder grundlos dumme Gedanken in den Kopf kommen. Du kannst Mutti sagen, daß sich hier bis heute noch nichts ereignet hat, daß aber die Stunde vor der Türe steht. Drücke dir deine kleinen Däumchen damit ich dich bald wiedersehe. In Gedanken gibt dir tausend liebe Küsschen dein Pappi
oooooooooooooooo
An Mutti auch einen kleinen o.

Feldpost 22:

Ich kämpfe für Euch

O.U., den 30.7.44

Liebe Anni u. Monilein!
Gestern erhielt ich nach langen langen Tagen deinen Brief vom 11.7., den du sehr wahrscheinlich in sehr grosser Eile geschrieben hast, denn ich konnte ihn kaum entziffern. Aber trotzdem habe ich mich darüber gefreut. Gab dein Brief mir doch wieder Auftrieb und den ich gerade jetzt benötige, denn übermorgen gehts in die Scheisse. Nun kommt der Tag, der eigentlich schon längst da sein konnte und nun heisst es die Augen offen halten, denn die Stellung die wir beziehen ist nicht besonders. Nun liegt das Weitere in einer höheren Hand und muss ich mich jetzt meinem Schicksal fügen. Weiss ich doch wieder daß ich für Euch kämpfe und das gibt mir Kraft. Seid in Gedanken oft bei mir, besonders des abends. Wenn du liebe Anni dann die Sterne betrachtest, vor allen Dingen den grossen Bären, dann werde ich dasselbe tun und unsere Gedanken werden sich dort treffen. Ich will und muss Euch wiedersehen.
Vielleicht warst du schon in Köln und hast die Angelegenheit geregelt. Immer muss ich an Monika denken. Hat sie sich in der Zeit gut geschickt. Du hättest fahren sollen wo Sofie noch dort war. Aber du wirst den richtigen Zeitpunkt schon gewählt haben.
Den beiliegenden Einlieferungsschein kannst du aufbewahren bis das Geld da ist. Du kannst es ja auf unser Sparbuch überweisen.
An Monika liebe süsse ooooooooo und sie möchte für den Pappi bitten. Seid ihr lieben zwei tausendmal gegrüsst und geküsst und denkt an Euren Pappi, der schweren Stunden entgegengeht.

Feldpost 23:

Drei Tage im Graben

Im Osten, den 5.8.44

Liebe Anni u. Moni!
Schon drei Tage im Graben, mitten im Dreck drin. Die Eindrücke die auf einen einstürmen sind gewaltig und hatte ich bis jetzt keine freie Minute. Ich bin jetzt als Komp. Trupp-Führer eingesetzt, also die rechte Hand des Komp. Führers. Da ich diesen Posten bis jetzt noch nicht bekleidet habe, waren die ersten Tage für mich ziemlich anstrengend, zumal hier der Tag zur Nacht und die Nacht zum Tag gemacht wird. Dadurch konnte ich nicht früher schreiben, aber meine Gedanken waren immer bei Euch. Gestern erhielt ich deinen lieben Brief vom 20./21.7. und habe mich wieder darüber sehr gefreut. Also Monilein wird eine kleine Wasserratte. Inzwischen wirst du ja meinen Brief bekommen haben, in den ich ein dafür passendes Schlussblatt einer Zeitschrift legte. Ich habe nämlich immer daran gedacht, dass Ihr Euch viel am Wasser aufhalten werdet. Könnte ich doch auch mal wieder ein erfrischendes Bad nehmen. Aus den Kleidern bin ich ja seitdem ich von Euch fort bin nicht mehr gekommen und jetzt kommt man auch nicht mehr aus den Stiefeln. Dazu die Mücken- u. Fliegenplage hier. Ich wundere mich über mich selbst, daß ich dies alles noch so aushalten kann. Aber die grosse Verantwortung die man jetzt hat hält einen hoch. Denkst du noch an das Sternbild? Jeden Abend um 10 Uhr ist mein Blick zum großen Bären gerichtet, denn hier sind fast alle Nächte sternklar. Man muß dabei aber ganz klar bleiben und darf nicht in Träumereien versinken um nicht vom Iwan einen verpasst zu kriegen.
Drückt Ihr weiterhin die Daumen damit Euer Pappi gesund wiederkommt.
Sobald ich irgendwie Gelegenheit habe werde ich schreiben damit ihr immer ein Lebenszeichen von mir bekommt. Schreibt auch oft!
So seid denn wieder tausendmal gegrüsst und geküsst von Eurem Pappi
An Monilein süsse ooooooooooooooo

Feldpost 24:

Höllisch aufpassen

Im Osten, den 7.8.44

Liebe Anni u. Moni!
Gestern deinen Brief vom 15.7. und wieder ein Päckchen erhalten, enthaltend Pyramidon, 6 Rasierklingen, Feuersteine u. Zigaretten und noch Zigarettenpapier. Besten Dank dafür. Nur musst du die Päckchen etwas besser verpacken, am besten noch etwas Papier drum tun, denn dein Päckchen ist schon im „Feldpostpäckchenlazarett“ Wien neu verpackt worden. Dein Brief ist auch bedeutend länger gelaufen, denn deinen Brief vom 20/21. habe ich schon bestätigt. Lachen musste ich über Po und Bäuchlein, die dem Pappi gehören sollen. Ich konnte mir ganz gut deine Hänselei vorstellen und freuen würde ich mich, wenn der Str### mich nicht vergessen würde. Nun bist du also wieder allein und kann ich mir denken, daß dir dieses Alleinsein zuerst wieder schwer gefallen ist. Wenn die augenblicklich feindliche Fliegertätigkeit wieder so stark ist, dann fahre nicht nach Köln, denn diese Verantwortung kannst du nicht auf dich nehmen. Und wenn alles zum Teufel geht, die Hauptsache bleibt das Leben. Daß du Rudi mit deiner Raucherkarte ausgeholfen hast kann ich als starker Raucher verstehen aber hoffentlich wird das Rücksenden der Karte nicht vergessen.
Jetzt habe ich mich schon an die Kampfhandlungen bei Tag und Nacht gewöhnt, aber vor Überraschungen ist man nie sicher. Darüber viel zu schreiben hat ja keinen Zweck und würdest du dir nur noch mehr Gedanken machen. Man muß hier nur höllisch aufpassen und darf nie leichtsinnig werden und davor bewahren mich immer deine Briefe. Deshalb schreibe bitte oft.
In ein paar Stunden werden meine Blicke wieder zu unserem Sternbild gehen.
Nun seid für heute wieder tausendmal lieb gegrüsst und geküsst von eurem Pappi.
An Monilein süsse oooooooooooo
Schicke mir bitte ein Stückchen Rasierseife

Feldpost 25:

Pappi Rußland bum, bum

Im Osten, den 11.8.44

Liebe Anni u. Moni!
Gestern erhielt ich 3 Briefe von dir und zwar vom 24., 27, und 29.7. Du kannst dir denken wie gross die Freude bei mir war und deshalb will ich auch gleich Antwort geben. Es ist gut, daß du dich mit unserem Glück so eingehend beschäftigst und der Lohn dafür bleibt ja auch nicht aus, denn wenn fremde Leute sich lobend über den Kr### aussprechen, dann ist der Lohn ja schon da. Immer hadere ich mit dem Schicksal, das mich das Heranwachsen nicht miterleben läst. Ganz und gar bin ich auf deine Briefe und Berichte angewiesen. Denke bitte immer daran. Ich kann das Stimmchen nicht vergessen, Das beim Abschied auf dem Bahnhof Kitzbühel sagte: „Pappi Rußland, bum, bum“ und bumste es im Augenblick auch wieder ganz nett. Also Sägespäne für eure „Hasen“ habt ihr geholt. Sind es nicht Kaninchen ihr „Rumverdreher“? Früher nanntest du andere Vögel auch „Raben“. Monilein wird ja darüber grosse Freude haben. Also vor dem Gewitter fürchtet sich die kleine Kröte. Ich glaube gern dass es dir schwer fallen wird mit gutem Beispiel voranzugehen. Du bist früher ja auch bei einem Gewitter nicht von meiner Seite gewichen. Hast du schon weitere Nachricht von deiner Mutter erhalten? Hoffentlich ist der Unfall nicht zu schlimm und vielleicht bietet sich jetzt die Gelegenheit, dass sie dich mal aufsuchen kann. Deinen letzten Brief schriebst du in Kitzbühel. Dass die Beihilfe gestrichen wurde ist ja mies. Vielleicht lässt sich doch noch etwas machen. Nach #### habe ich vor 14 Tagen geschrieben. Hoffentlich lebt der Leutnant noch. Die Post muss fort deshalb Schluß.
In den nächsten Tagen mehr. Drückt weiter die Daumen und seid für heute wieder tausendmal gegrüsst und geküsst von
Eurem Pappi

Feldpost 26:

Haltet die Daumen! – Der letzte Brief

Im Osten, den 16.8.44

Liebe Anni und Moni!
Gestern deinen Brief vom 2.8. erhalten. Das Bildchen ist ja allerliebst und ich bedauere es mit Euch, dass die Katze einen „Hasen“ gemaust hat. Monilein wird sicher überall erzählen daß die böse Katze das liebe Tierchen geholt hat. Ich kann mir das so richtig vorstellen. Den Empfang der beiden Päckchen habe ich dir ja bestätigt und freue ich mich jetzt schon auf das Dritte. Auch ich habe von Köln lange keine Post mehr erhalten und mache mir darüber Gedanken. Also Monilein zeigt schon Interesse am Kochen. Das ist ja nett, aber ich glaube daß das Interesse am Probieren grösser ist. Daß die Kr### öfters nach Pappi fragt freut mich am meisten.
Die Dämmerung kommt und der Iwan wird wieder munter. In den letzten Tagen ist es unruhiger geworden und für heute Nacht wird was erwartet. Nun heisst es wieder Augen offen und Ohren steif halten.
Ich muß Schluß machen, dauernd kommen Melder und bringen neue Befehle, die sofort von mir weiterverarbeitet werden. Auch kommt gerade der Verpfl. Trupp und bringt mir das dritte Päckchen.
Wenn wieder mehr Zeit dann mehr.
Haltet die Daumen

Tausend liebe Grüsse und Küsse
Euer Pappi

An Monilein süsse ooooooooooo

Das vermutliche Ende

Nachforschungen des Suchdienstes des DRK im Auftrag seiner Tochter Monika haben Jahrzehnte später ergeben, dass Willi Schumacher sehr wahrscheinlich im August 1944 gefangen genommen und in ein Kriegsgefangenenlager in Donezk in der jetzigen Ukraine verbracht wurde. Dort ist er wohl ums Leben gekommen.

Es ist davon auszugehen, dass Willi Schumacher im Rahmen der Operation Jassy-Kischinew in die Hände der Sowjet-Soldaten fiel.

Todesurkunde von Willi Schumacher